08.08.1915

Club-Regatta 1915

«So schön hatʻs niemand auf der Welt, als Ruderclübler leben!» . . .
Das war der Wahlspruch am Tage unserer Regatta.

Schon Monate im voraus hatte man es gemunkelt, und in einer späteren Club-Sitzung wurde es einstimmig beschlossen, dass man in diesem Jahre eine Club-Regatta abhalten wolle; und dieser so hochheilige Beschluss fand einen lebhaften Anklang bei allen Club-Mitgliedern bei den Alten und bei den Jungen, und auch bei den Anfängern in unserem Rudersport. Nun ging es an ein Trainieren und ein sich Recken, dass es eine rechte Freude war, zuzuschauen. Alle, alle machten mit. Keiner blieb zurück und wollte der Letzte sein. So tummelten wir uns um die Wette wochenlang. Keiner gönnte dem anderen einen Vorsprung oder Vorteil, ja, ein jeder betrachtete sogar neidisch den anderen, der doch vielleicht bei der Wettfahrt sein Gegner sein konnte. Es wurde somit für ein jedes Boot eine gleichstarke Mannschaft gewählt, deren Aufgabe es war, soviel als nur möglich zusammen zu trainieren.

Endlich erschien der heissersehnte Tag, der 8. August 1915.

Am frühen Morgen schon da pfiffen ein paar freche, nichtsnützige Spatzen in die klarblaue Luft hinaus; sie pfiffen und schrien es von den Dächern der Häuser und von den Häusern harab, zu den lieben Leuten da unten. Dass wir, die Ruderclübler, eine Regatta abzuhalten gedenken, und luden das hochverehrte Publikum von Stadt und Land ein, dieses so grossartige Schauspiel ja nicht zu versäumen. Übrigens wäre diese äusserst liebevolle Zuvorkommenheit der verehrten Spatzenkorporation durchaus nicht nötig gewesen, denn auf dem Fronwagplatz, da taugte ein originelles Plakat, das von einem der Club-Mitgliedern verfertigt worden war, und auf welchem alles nähere zu lesen stand. Fast immer waren ein paar Menschlein vor dem weissen, mächtigen Karton mit den grossen, dickschwarzen Lettern und beguckten ihn von allen Seiten. Ein jeglicher machte da seine Pläne und Gedanken dazu. «Dass die Musik spielte, das wäre ja wunderschön, da liesse sich ja das verabredete Kaffeekränzchenplauderstündchen ganz vorzüglich beim ʻLindliʼ machen», so meinte da eine ziemlich korpulente Dame, indem sie durch einen goldenen «Largon» zierlich und schnippisch die Figur auf dem Bilde betrachtete, welche einen Ruderclübler darstellte. Auch die anderen, die um das Plakat herumstanden, hingen ihren eigenen Plänen nach. So ging denn der eine nur wegen der Stadtmusik, die heute spielen sollte, der andere hatte sonst ein zu verabredendes «Rendezvous» in Aussicht gestellt. Der Gedanke an eine Regatta aber war eben etwas neues in unserer spiessbürgerlichen Stadt.

Kurz, die Hauptsache vorderhand war vor allem der herrliche Morgen, die goldene, warme Sonne, die einen wunderschönen Regatta-Tag anzeigten.

Ziemlich frühe schon versammelten wir Ruderclübler uns im Bootshause, wo wir rasch Toilette machten, d.h. unsere noch zur Zeit ganz schneeweissen Ruderhosen und -leibchen anzogen, die alle in blendender Frische glänzten. Wir zankten uns wohl auch ein bisschen herum, bis dass unser Herr Präsident erschien, und unser Ruderchef, der uns die letzten nötigen Ratschläge gab. Ferner wurden noch für jedes einzelne Boot bestimmte Kennfarben verteilt, rote oder blaue Fähnlein, die jedesmal dem einen Ruderer hinten aufgeheftet wurden.

Als dann endlich alles Nötige beendigt, die Boote draussen aufgestellt und in Stand gesetzt worden waren, da trieben wir uns draussen herum, sassen lange auf der glühendheissen Steintreppe beim Lindli, wo die warmen Sonnenstrahlen ungehindert herniederbrannten; kaum vermochten die mächtigen, hohen Bäume am Ufer mit ihren weitausragenden Kronen kühlenden Schatten zu spenden.

Auch in uns kochte und wogte es, ein heisses Feuer; es war zum Teil Aufregung und Nervosität, die zwar ein jeder hinter der gleichgültigsten Miene der Welt zu verbergen suchte, was aber nicht jedem vollständig gelingen wollte. So sassen wir wohl über eine Stunde lang herum, die Hitze des Sommertages hatte uns bald recht müde gemacht. Die Arme und Beine waren ganz schlaff, sodass wir den baldigen Anfang und auch das rasche Ende der Regatta herbeisehnen mochten.
Auf der Promenade, auf dem Platze beim Lindli, hatte sich unterdessen eine gewaltige Menschenmenge zusammengefunden, denn der Gedanke an das zu erwartende, ungewohnte Schauspiel hatte unzählige Zuschauer angelockt. So standen oder spazierten sie alle herum unter dem schattigen grünen Laubdache, die Männlein kritisierten oder politisierten, und die holde Weiblichkeit huldigte dem gewohnten Kleinstadt-Klatsch, und dies alles geschah unter den gewaltigen, ewigrauschenden Linden und an einem solchen herrlichen Tage!

Auch die Stadtmusik hatte sich bald eingestellt und lockte die Menge mit ihren süssen Tänzen und Weisen, deren Töne lieblich über die schimmernde Wasserfläche klangen, und irgendwo in unendlich blauer Ferne sich verloren.
Nun war die Zeit für uns gekommen. Rasch hintereinander wurden die Boote in die blaue Flut eingesetzt und die ersten fuhren schon stromaufwärts. Wer von uns noch nicht an die Reihe kam, der hatte das Vergnügen, wenigstens einen Teil des Schauspiels zu geniessen.

Wohl eine Viertelstunde verging, bis dass die ersten Boote wieder erschienen, die beiden Skiffs. Ganz in der Ferne sah man sie daherkommen, fast immer auf gleicher Höhe. Näher und näher rückten sie heran, bald konnte man auch jeden der Ruderer erkennen. Pfeilschnell schossen sie vorwärts. Deutlich sah man die Anstrengungen des Einzelnen, der die allerletzte Kraft zusammenraffte, um doch der Erste zu sein. Gespannt, mit steigerndem Interesse schaute das Publikum am Ufer dem Wettkampfe zu. Merklich sah man, wie der eine der beiden Ruderer die Oberhand gewann und als Erster mit ein paar Bootslängen Vorsprung durch das Ziel schoss.

Mit einem brausenden Hipp-Hipp-Hurra unsererseits und tausendstimmigen Bravorufen der Menge wurde der Sieger empfangen, umringt und beglückwünscht.

Es verging wieder recht geraume Zeit, bis dass die Zweiten erschienen, eine Schüler-Serie mit «Zweier»-Booten.

Vielleicht hätten die allzugrossen Zwischenpausen das Schauspiel merklich gestört, wenn sie nicht durch die Darbietungen der Stadtmusik wohl ausgefüllt worden wären.

Dort, ganz vorn, wo die lange Allee anfing, hatte sich das Orchester aufgestellt, und von dorther schallten alle die fröhlichen Töne und Klänge, und wenn ein Musikstück zu Ende war, so wischte sich der Dirigent ein jedesmal mit dem weissen Taschentüchlein den Schweiss von der tropfenden Stirne und blickte dann befriedigt über die Köpfe der beifallklatschenden Menge, und auch auf seine Musikanten hernieder, die glühend, schwitzend, um ihn herumstanden und lechzend, mit müden Äuglein gar sehnsüchtig nach der nahen Bierhalle und dem schattigen, kühlen Wirtshausgarten hinüberblinzelten.
Doch wurde ihre Aufmerksamkeit und auch diejenige der Menge bald wieder auf andere Dinge gelenkt, denn die Rennvierer sausten in rasendem Tempo vorbei. Es ist dieses wohl der interessanteste Teil des ganzen Schauspiels gewesen, das Ringen zweier gleichstarker und gut trainierten Mannschaften um den Sieg. Blitzschnell bewegten sie sich in den Booten, die braunen Wasserratten und mit jedem Schlage rissen sie das Boot weit vorwärts, eine tiefe, dunkle Furche hinter sich in die blaue Flut einschneidend, bis endlich das eine Boot mit ausgreifendem, tüchtigen, «Endspurt» als erstes durch das Ziel fuhr.

Wiederum war eine lange, lange Pause und das Publikum am Ufer wurde ziemlich ungeduldig. Selbst die Musik konnte diese Unruhe nicht dämpfen und zurückhalten, trotz allen ihren Tänzen, ihren verlockenden Weisen und Märschen. Schon schlich sich sogar einer nach dem anderen langsam davon, bis dann endlich die letzten Boote erschienen. Die Vierer-Yoles, von denen aber eines infolge Defektes weit hinter den beiden anderen zurückblieb. Auch diesmal wieder wurden die Sieger mit lauten Bravorufen der Menge begrüsst. Das Publikum am Ufer war befriedigt und hatte ziemlich lebhaftes Interesse gezeigt.

Zum Schlusse fuhren noch alle Boote in schönster Paradefahrt stromabwärts, um den Pfeiler der Eisenbahnbrücke und dann wieder den Rhein hinauf bis zum Landungssteg. Dann aber hiess es eilen, um noch zur rechten Zeit zum ziemlich verspäteten Mittagsmahle zu kommen!

Am Nachmittag, als die Sonne noch heisser als morgens herniederbrannte, da fuhren wir alle wieder mit unseren Booten rheinaufwärts. Der «Schupfen» galt nun als unser gemeinsames Ziel, denn wir wollten diesen schönen Regatta-Tag, der mit Arbeit angefangen hatte, mit Lust und Freude beendigen. So glitt dann Boot um Boot stromaufwärts, langsam und träge, es war eben eher ein Schleppen, ein mechanisches Rudern, als ein richtiger Schlag, denn die erbarmungslose Sommerhitze hatte uns alle so müde und faul gemacht, und wir sehnten uns nach dem fernen Ziele. Auch der köstliche Humor versiegte immer mehr und mehr, wie überhaupt alles in uns austrocknete in der Sonnenglut des heutigen Tages. Erst im Schupfen, unter den schattigen Obstbäumen, auf der sonnig grünen Wiese, erst dort sprudelte er wieder auf als frischer, unversiegbarer Lebensquell. Dort sassen und lagen wir in dichten Kreisen auf dem weichen Gras-Boden und tranken in raschen und begierigen Zügen das frische Getränk. Es gab Wein, Most und Bier, alles in Hülle und Fülle. Immer und immer wieder füllten sich schnell unsere leergewordenen Gläser mit dem goldgelben Tranke, der uns so erfrischte und so köstlich mundete. Wir bearbeiteten den Magen mit allem Möglichen, den wunderfeinen Schinken ja nicht zu vergessen, von dem wohl ein jeder, der davon ass, ein ganz kleines Andenken mit nach Hause brachte.

Die fröhliche Stimmung wuchs zusehends, angefeuert durch den roten Wein, der heute in breiten Strömen floss.

Unser Herr Präsident hielt eine kurze Ansprache, wonach er zum Schlusse die kleinen, grün-schwarzen Fähnlein mit einem eingestickten goldenen «1915», an die Sieger jedes Bootes verteilte, als Preis des heutigen Regatta-Tages.

Bis tief in den Nachmittag hinein sassen wir dort zusammen, tranken, scherzten, lachten und schwelgten alle in des Glückes und der Freuden Überfluss. Dazwischen aber sangen wir frohe Lieder und lustige Weisen.

Als der Tag zu Ende ging und die Abendsonne hinter den glühenden Hügeln untertauchte, die dämmernde Landschaft mit rotgoldenem Glanze überflutete, da brachen wir auf, obwohl für uns der Tag viel zu schnell zur Neige gegangen war. Doch, es war aber auch schon Zeit zum Aufbruche gewesen, und es brauchte wieder manche Minuten, bis dass wir alle wohlbehalten und sicher in unseren Booten sassen, ein jeder an seinem Platze. Heiter, sorglos liessen wir uns von der blaugrünen Flut langsam stromabwärts treiben; überall am Ufer, wo fröhliche Menschen beisammen sassen, winkte und jubelte man uns zu, frohe Jauchzer klangen herüber, hinüber, von einem Boote zum anderen, und überall beantwortet.

Es war beinahe dunkel, als wir beim Landungsstege ankamen und landeten. Ich erinnere mich kaum noch, wie schnell alle unsere Boote «gereinigt» und versorgt worden waren, und wie wir mit rätselhafter Geschwindigkeit unsere Toilette notdürftig vervollständigten!? und dann – urplötzlich sassen wir wieder im schattigen «Tiergarten» und tranken aus schäumenden Bechern das köstliche, erfrischende Bier. Wir tranken auf das Wohl unseres Präsis, auf das frohe Gelingen des heutigen Tages; auf jedes Rennboot stiessen wir an mit klingenden Gläsern und tranken einander zu. Wir tranken, und wussten überhaupt nicht mehr für was! Nur dass es heute ungemein lustig gewesen, das wussten wir, und dass der heutige Regatta-Tag ein wunderschöner gewesen war.
Ermatinger